Ehemaliges Überseezentrum wird abgerissen

Ein weiterer Schritt zum neuen Stadtteil Grasbrook: Seit vergangenem Donnerstag wird das ehemalige Überseezentrum abgerissen Fotos: au

Ehemaliges Überseezentrum wird abgerissen.

Vorbereitung für neuen Stadtteil Grasbrook gestartet.

Die Entwicklung des neuen Innovationsstadtteils Grasbrook kommt in eine entscheidende Phase: Als nächster großer Schritt startet im Juli der Abbruch des ehemaligen Überseezentrums, später folgen die Kampfmittelsondierung und die Aufhöhung des Geländes auf ein hochwassergeschütztes Niveau (9,70 über NormalNull). Auf der freigeräumten und vorbereiteten Fläche sollen in den kommenden Jahren eine Parklandschaft, circa 3.000 Wohnungen, frei finanziert und gefördert, für Genossenschaften und Baugemeinschaften sowie circa 16.000 Arbeitsplätze entstehen (der Neue RUF berichtete).
Der neue Stadtteil Grasbrook am Südufer der Elbe wird heute noch geprägt durch die großen Lagerhallen des ehemaligen Überseezentrums. Ab 1962 waren für den Bau der Hallen große Teile des Moldauhafens zugeschüttet worden. Das 1967 fertiggestellte Überseezentrum galt mit circa 150.000 Quadratmeter offenen und 100.000 Quadratmetern überdachten Lager- und Büroflächen damals als größter Sammel- und Verteilerschuppen für Stückgut der Welt. Ursprünglich ragte das große Schleppdach über die Wasserflächen des Moldauhafens hinaus. Erst ab 1975 wurden schrittweise auch die Flächen unter dem Dach aufgeschüttet und eine Hochwasserschutzwand gebaut. Seit 2016 sind die zuletzt von der Hamburger Hafen- und Logistik AG Logistics GmbH betriebenen Lagerhallen des Überseezentrums nicht mehr in Nutzung.
Die umfangreichen Maßnahmen der Flächenherrichtung haben am 8. Juli mit dem Abbruch der Bestandsgebäude im nördlichen Teil des Gebiets begonnen, darunter das achtgeschossige Büro- und Verwaltungsgebäude sowie das große Schleppdach im Süden des Gebiets. Dafür kommen so genannte „Longfront“-Bagger in Einsatz, die eine Reichweite von bis zu 35 Metern haben. In den weiteren Phasen folgen dann kleinere Gebäude im Westen und zum Schluss die zentralen Lagerhallen des Überseezentrums selbst. Der prägnante Schriftzug „Überseezentrum“ wird sorgfältig sichergestellt, um ihn gegebenenfalls in einer späteren Nutzung wieder einzusetzen. Außerdem werden weitere wertvolle Materialien zum Recycling für die spätere Nutzung sichergestellt, darunter eine Vielzahl von Stellconplatten und 6.000 Quadratmeter Schlackesteine.
Weitere besondere Herausforderungen bestehen bei der sich an den Abbruch anschließenden Kampfmittelsondierung, da es sich bei den Verdachtsflächen zu einem großen Teil um ehemalige, nach dem Krieg verfüllte Wasserflächen handelt, die mit mehr als 13 Metern besonders tief liegen. Zum Schluss wird das gesamte Gelände auf ein hochwassergeschütztes Niveau aufgehöht. Die gesamten Arbeiten dauern bis Juni 2024 an. Die Kosten belaufen sich auf rund 24 Mio. Euro (Abbruch 7 Mio. Euro; Kampfmittelfreimachung 10 Mio. Euro; Erdbau 7 Mio. Euro).
Die Hallen des ehemaligen Überseezentrums, insbesondere das große Schleppdach, das nicht denkmalgeschützt ist, wurden im Rahmen des Wettbewerblichen Dialogs Grasbrook und der öffentlichen Beteiligung (unter anderem „Grasbrook Werkstätten“, Juni 2018 bis Februar 2019) zum Thema gemacht. Ein möglicher „Umgang mit Bestandshallen“ wurde daraufhin als eines der Ergebnisse des Beteiligungsprozesses in die Aufgabenstellung der Wettbewerbsauslobung aufgenommen. Alle zwölf internationalen Planungsteams schlugen in ihren städtebaulichen und freiraumplanerischen Entwürfen eine neue Interpretation des Daches als Neubau auf hochwassergeschütztem Niveau vor.
Zugleich prüfte die HafenCity Hamburg GmbH im Rahmen einer ingenieurstechnischen Studie im Januar 2020 einen möglichen (Teil-) Erhalt der historischen Dachkonstruktion. Die Untersuchung ergab, dass die aus den 1960er-Jahren stammende Tragkonstruktion in erheblichem Maße baufällig und schadstoffbelastet ist und daher nicht erhalten werden kann. Auch die einzelnen Träger entsprechen nicht mehr den heutigen statischen Anforderungen und sind nicht dafür geeignet, in die neue Dachkonstruktion integriert zu werden. Moderne Photovoltaikanlagen könnten von den alten Bauteilen nicht getragen werden. Darüber hinaus ergab eine städtebauliche Überprüfung der Situation, dass die Lage des historischen Dachs (circa 100 Meter von der Kaikante des Moldauhafens entfernt) sehr ungünstig inmitten des heutigen Planungsgebiets liegt. Die Realisierung des großen Parks und der angrenzenden großzügigen Wohninseln wären bei einem Erhalt des Dachs an der historischen Stelle nicht möglich gewesen. Da das umliegende Gelände nach dem Warftprinzip im Vergleich zu den heutigen Flächen um rund fünf Meter angehoben wird, um den notwendigen Hochwasserschutz zu erhalten, hätten die Stützen des alten Dachs quasi „eingegraben“ werden müssen. Die Fläche unter dem Dach wäre dann für viele Zwecke zu niedrig gewesen.
Im Laufe der sich an den Wettbewerb anschließenden Funktions- und Freiraumplanung wurde das Quartier Moldauhafen weiter gedacht und optimiert: Die Wohninseln sollen im Vergleich zum vorherigen Entwurf jetzt großzügiger gestaltet werden, der Park soll in seiner imposanten Größe an den Moldauhafen rücken. Das neue Dach soll rund 180 Meter lang werden, erhält ein nutzbares Warftgeschoss und eine Dachfläche mit Photovoltaikanlagen. In direkter Verlängerung der neuen Veddeler Brücke soll die Dachkonstruktion als städtebauliches Zeichen einen eindrucksvollen Eingang zum Stadtteil bilden. Mit vielfältigen gewerblichen und nachbarschaftlichen Nutzungen, die noch näher zu definieren sind, könne das Dach außerdem zu einem wichtigen sozialen Kristallisationspunkt der Nachbarschaft zur Veddel werden, so die HafenCity GmbH in einer Pressemitteilung.
Im Sommer 2021 schließt das von der Stadt beauftragte Planungsteam Herzog & de Meuron und Vogt Landschaftsarchitekten die so genannte Funktions- und Freiraumplanung ab, die das Gesamtbild des Stadtteils Grasbrook in den Grundzügen bestimmen wird. Darauf bauen später die Grundstücksanhandgaben und die hochbaulichen Architekturwettbewerbe auf. Ab 2023 könne voraussichtlich mit dem Bau der ersten Gebäude und des Parks begonnen werden.