Ali Kazanci (SPD) nimmt an umstrittener Veranstaltung teil.
Rücktrittsforderung werden laut.
Als der Wilhelmsburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ali Kazanci zum Jahreswechsel fröhliche Neujahrsgrüße via soziale Medien in die Welt hinausschickte, ahnte der Politiker noch nicht, dass zumindest für ihn der Start in das Jahr 2026 schwierig werden würde. Bereits seit Tagen wird Kazanci, der seit März 2025 in der Hamburger Bürgerschaft die Wilhelmsburger Bürger vertreten soll, heftig kritisiert.
Was war passiert? – Der 1976 geborene Diplom-Sozialökonom hatte am 31. Dezember an einer Veranstaltung mit dem Titel „Tag der Eroberung von Mekka“ in der Vahdet-Moschee am Steindamm teilgenommen. Kazanci saß – ebenso wie der Schura-Vorsitzende (Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V.) Fatih Yildiz – am sogenannten VIP-Tisch, zusammen mit Özkan Yaman, der als Redner bei der Veranstaltung auftrat. Yaman gilt laut Medienberichten als Islamist und Hamas-Sympathisant. Fotos von der Veranstaltung sind öffentlich unter anderem auf Facebook zu sehen. Nicht nur, dass Kazanci mit Özkan Yaman zusammen an einem Tisch saß, auch die Veranstaltung selber wird stark kritisiert. Sie gilt als alternative Feier zu Silvester, die vornehmlich von islamistischen und konservativen Kreisen gefeiert werden soll.
Es war ein SPD-Genosse, der über die Bilder im Internet gestolpert ist: „Das hier ist weder Afghanistan, noch Syrien oder Saudi-Arabien. Es handelt sich um Europa – genauer gesagt Hamburg, die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Bilder, die an die Öffentlichkeit gelangt sind, stammen von einer Veranstaltung zum „Tag der Eroberung von Mekka“, organisiert von der Vahdet-Moschee am Steindamm, die Dreh und Angelpunkt der türkischen Hisbollah ist. Auf der Bühne sind kleine Mädchen mit Kopftuch zu sehen. Frauen sind überhaupt nicht sichtbar, und die Veranstaltung findet in einer komplett männlich geprägten Umgebung statt. Dies wirft ernsthafte Fragen in Bezug auf Kinderrechte, Gleichberechtigung und demokratische Werte in Deutschland auf. Die Veranstaltung scheint ein Vorwand zu sein, um Muslime von der Silvesterfeier auszuschließen. Die Verwendung von Kindern in diesem Zusammenhang ist besorgniserregend und eindeutig rückständig. Besonders problematisch ist, dass eine Person, die sich als Sozialdemokrat bezeichnet und als Abgeordneter ins Hamburger Parlament gewählt wurde, an der Veranstaltung teilnimmt und sie unterstützt. Dies wirft erhebliche Fragen zur Verantwortung gegenüber demokratischen Werten auf“, kritisiert der ehemalige SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Kazim Abaci auf Facebook die Veranstaltung.
Die Zeitung „Die Welt“ nahm das Thema auf, der Stein kam ins Rollen, andere Medien berichteten ebenfalls über den Vorfall. Letztendlich wurde der Druck so groß, dass Ali Kazanci über die SPD-Fraktion am 3. Januar eine Stellungnahme abgab: „Es ist richtig, dass ich am 31.12. auf Einladung an einer Veranstaltung der Gemeinde der Vahdet-Moschee beziehungsweise ihres Trägervereins in Wilhelmsburg teilgenommen habe – als örtlicher Abgeordneter im Rahmen kommunalpolitischer Kontaktpflege. Die Gemeinde ist mir aus der Stadtteilarbeit grundsätzlich bekannt. Mögliche Verbindungen einzelner Gemeindemitglieder, die politische Gesinnung einzelner Veranstaltungsteilnehmer sowie die konkrete Programmausgestaltung waren mir im Vorfeld jedoch nicht bekannt. Heute ist für mich klar: Ich hätte eine entsprechende Prüfung der bekannten Teilnehmenden vornehmen und auf eine Teilnahme verzichten müssen. Dass dies unterblieben ist, war ein Fehler. Diesen Fehler bedauere ich zutiefst und bitte um Entschuldigung.
Für mich ist unmissverständlich: Gewaltverherrlichung, extremistisches Gedankengut, sogenannter ‚Märtyrerkult‘ oder jede Form von Indoktrination sind inakzeptabel und mit einem friedlichen, rechtsstaatlichen Zusammenleben unvereinbar. Ebenso gilt: Frauen- und Kinderrechte sowie die Gleichberechtigung aller Geschlechter sind nicht verhandelbar. Ich bekenne mich ausdrücklich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ich stehe klar gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels. Von meiner Seite gibt es keinerlei Zusammenarbeit oder Unterstützung für islamistische oder extremistische Akteure. Weitergehende Unterstellungen weise ich zurück. Ich nehme die öffentliche Kritik ernst und werde künftig noch sorgfältiger prüfen, welche Einladungen ich annehme. Mein Ziel bleibt ein respektvoller Dialog mit Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Hintergründe im Stadtteil und in Hamburg – stets auf der Grundlage unserer demokratischen Werte.“
Die SPD-Fraktion Hamburg begrüßte die Erklärung und die Bitte um Entschuldigung von Ali Kazanci ausdrücklich. Grundsätzlich seien alle Mitglieder der SPD-Fraktion Hamburg angehalten, mögliche Veranstaltungsteilnahmen sowie Gesprächspartner im Vorfeld sorgfältig zu prüfen. Nach intensiven Gesprächen mit Herrn Kazanci „sei man weiterhin fest davon überzeugt, dass alle Mitglieder der SPD-Fraktion Hamburg uneingeschränkt zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung stünden“, so die SPD-Fraktion.
Für die CDU ist das zu wenig: So versuche die SPD, die jüngsten Enthüllungen rund um Ali Kazanci und den Schura-Vorsitzenden Fatih Yildiz als Randnotiz abzutun, heißt es in einer Mitteilung. „Wer glaubt, hier handele es sich um einen bedauerlichen Einzelfall, verschließt bewusst die Augen. Das Foto, auf dem SPD-Abgeordneter Ali Kazanci Seite an Seite mit Schura-Chef Fatih Yildiz am Tisch mit Gegnern unserer Freiheit sitzt, ist kein Zufall und schon gar keine Ausnahme. Es zeigt ein Netzwerk, das seit Jahren stillschweigend geduldet wird, und das mitten in Hamburg, mitten im politischen Betrieb. Während die SPD öffentlich beschwichtigt, pflegen einige ihrer Vertreter enge Kontakte zu Personen, die immer wieder im Umfeld islamistischer Strukturen auftauchen. Strukturen, die sich nach außen moderat geben, aber demokratische Grundwerte langfristig aushöhlen. Es geht hier nicht um eine missglückte Veranstaltung oder eine unglückliche Formulierung. Es geht um ein strukturelles Muster. Um das Verharmlosen von Akteuren, die demokratiefeindliche Ideologien vertreten oder dulden. Um Strukturen, die Antisemitismus relativieren oder in anderen Sprachen verbreiten. Und um eine SPD, die bei ihren eigenen Leuten wegschaut, während sie an anderer Stelle lautstark moralische Maßstäbe einfordert. Die wahren Gründe für das Ausscheiden des Antisemitismusbeauftragten Hensel sind nun endlich für alle offenkundig: Von der führenden Regierungsfraktion SPD gibt es keine ausreichende Unterstützung im Kampf gegen Antisemitismus! Somit wird das Amt ad absurdum geführt“, so Dennis Gladiator, innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.
Auch die Schura erklärte sich auf ihren SocialMedia-Kanälen zum Vorfall: „Die Veranstaltung am 31.12.2025 diente der religiösen Erinnerung und Bildung zu einem historischen Ereignis der islamischen Tradition. Eine Abwertung anderer religiöser oder gesellschaftlicher Praktiken, insbesondere von Silvesterfeiern, war weder Inhalt noch Ziel. Nachträglich wurde bekannt, dass ein eingeladener Redner in sozialen Medien Inhalte geteilt hat, die Anlass zu berechtigter Kritik geben. Diese Inhalte waren nicht Bestandteil der Veranstaltung. Wir nehmen den Vorgang und die Kritik ernst und werden die Auswahl von Rednern künftig noch strenger prüfen, um die Übereinstimmung mit Menschenwürde, demokratischer Verantwortung und gesellschaftlichem Zusammenhalt sicherzustellen. Antisemitismus, Gewaltverherrlichung, Menschenverachtung, Hass und Rassismus haben in unseren Gemeinden keinen Platz. Kritik an religiöser Praxis ist in einer pluralen Gesellschaft grundsätzlich legitim. Sie muss jedoch sachlich, differenziert und faktenbasiert erfolgen und die Grenzen der verfassungsrechtlich garantierten Grundrechte müssen gewahrt werden, Pauschale Generalisierungen oder Verdächtigungen ganzer religiöser Gemeinschaften tragen nicht zu einer konstruktiven Debatte bei. Der Verein Vahdet Islamische Kultur e.V. ist eine lokal verankerte Gemeinde. Nach unserem Kenntnisstand bestehen keine nachgewiesenen strukturellen oder personellen Verbindungen zu extremistischen Organisationen.“
Allerdings: Laut einer Schriftlichen Kleinen Anfrage von Kazim Abaci aus dem Jahr 2023 bestätigt der Senat in seiner Antwort, dass „Anhänger der radikal-islamischen türkischen Hizbullah schwerpunktmäßig in der Vahdet-Moschee“ verkehrten. Zudem seid „die türkischen Hizbullah seit 2007 als Beobachtungsobjekt des Landesverfassungssschutzes Hamburg eingestuft“, heißt es dort weiter.


Hinterlasse jetzt einen Kommentar